Wer sie war
Ruth Zenhäusern wurde am 29. November 1946 in Erlenbach im Simmental im Berner Oberland geboren. Sie wuchs auf in Spiez am Thunersee – einer Gegend, die sie zeitlebens geprägt hat. Später lebte sie in England, Frankreich und Spanien, bevor sie 1979 nach München kam. Und blieb.
In München gründete sie gemeinsam mit meinem Vater Dr. Jürgen vom Scheidt die Münchner Schreibwerkstatt – und 1995 das Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie (IAK). Sie war ausgebildete Gruppenleiterin für Themenzentrierte Interaktion (TZI) und Kunsttherapeutin. Seit 1981 leitete sie Seminare – allein oder zusammen mit meinem Vater. Fast tausend insgesamt.
Ruth war die stille kreative Kraft im Hintergrund. Ihr Können zeigte sich selten im Großen, dafür umso beständiger im Kleinen. Ihr Lieblingsseminar hieß „Biographie & Phantasie" – die Kombination aus gelebter Erfahrung und freier Erfindung war ihre Spezialität und ihr Lebensthema zugleich.
Infolge einer Parkinson-Erkrankung zog sie sich 2014 aus der Seminararbeit zurück. Am 21. Februar 2016 starb sie – friedlich, binnen weniger Minuten. Sie war 69 Jahre alt.
Was ich von ihr weiß
Sie sprach fließend Englisch, Französisch, Spanisch – und natürlich Hochdeutsch. Aber wenn sie mit einer alten Freundin aus der Schweiz telefonierte, schlug ihr Berndütsch wieder durch. Für ein paar Tage danach war es noch da, dieser Akzent. Dann verschwand er wieder – bis zum nächsten Anruf.
Sie war eine leidenschaftliche Malerin. Ihre Bilder tragen Titel wie „Die Sambatänzerin" und „Wilder Vogel" – und wer sie kennt, weiß: In diesen Titeln steckt viel von ihr. Wir haben uns beim Tanzen kennengelernt, schrieb mein Vater – am 29. September 1976 in Malente. Das erste Stück, das sie ihm vorspielte, war „Sitting on the Dock of the Bay" von Otis Redding.
Sie war eine starke Verfechterin der Gerechtigkeit – und besonders der Frauenrechte. Bei Elternabenden hat sie mich vehement verteidigt, wenn etwas nicht stimmte. Meine Eltern waren die, die hingingen und klärende Gespräche führten – auch wenn es unbequem war. Sie haben herausgefunden, dass unsere Klassenlehrerin in den ersten drei Schuljahren Jungs nicht mochte und uns schlecht behandelt hat. Ohne sie wäre ich dem schutzlos ausgeliefert gewesen.
Sie war immer da. Nahezu immer zuhause. Und auch wenn die beiden gearbeitet haben, haben sie sich Zeit genommen, wenn ich sie brauchte.
Wenn ich sie in den letzten Jahren noch zuhause besucht habe, hat sie beim Abschied nochmal aus dem Fenster geschaut und gewunken. Jedes Mal.
Dummerweise habe ich erst lange nach ihrem Tod begriffen, was sie mir wirklich bedeutete – und was sie bis heute für mich ist. Aber das zeigt mir eigentlich nur, dass sie und mein Vater dafür gesorgt haben, dass ich mir ihrer Zuneigung und Liebe so sicher war, dass ich es gar nicht merken musste. So gefüllt war mein Leben mit ihrer Kraft.
Sie war ehrlich. Gerecht. Und sie hat mich wirklich geliebt.
Ihre Bilder
Ruth malte mit Acrylfarben – kraftvoll, symbolisch, oft mit Vögeln als Motiv. Ihr Vater nannte den Wilden Vogel ihr persönlichstes Bild. Sie malte es in Erinnerung an ihn.
„Wilder Vogel" · Acrylfarben · ca. 2008
Ohne Titel · Acrylfarben
Erlenbach im Simmental, Schweiz
München
Kunsttherapeutin (APAKT München)
IAK München (1995)
allein und gemeinsam mit Jürgen